Über den Umgang der Antifa mit deutscher Gedenkpolitik

Am Samstag den 19. Mai fand in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme die offizielle Gedenkveranstaltung für die Opfer des Konzentrationslagers statt.
Anwesend waren, neben Vertreter_Innen der Stadt und des Bundeskanzleramtes, Vertreter_Innen der Überlebenden-Verbände sowie mehr als hundert aus ganz Europa und der Ex-Sowjetunion angereiste KZ-Überlebende. Außer diesen hatten noch einige wenige politische Initiativen und Gruppen, sowie verschiedene andere Einzelpersonen den Weg in die KZ-Gedenkstätte Neuengamme gefunden. Waren in Bergedorf beim letzten kleinen Aufmarsch der Neonazis noch mehrere hundert Antifas aus Hamburg angereist, bemühten sich am 19.mai nur eine Hand voll Antifas in die Gedenkstätte.

Es war eine ganz besondere Gedenkveranstaltung, denn 62 Jahre nach Kriegsende und „Räumung“ des Konzentrationslagers war zum ersten Mal das gesamte ehemalige KZ-Gelände frei zugänglich bzw. konnte in den Monaten davor zu einem neuen Teil der Gedenkstätte erweitert und umgestaltet werden.

62 Jahre danach sind 62 Jahre zu spät

All die Jahre zuvor, von der Übergabe des ehemaligen „Lagebereichs“ durch die Alliierten Streitkräfte an die Stadt Hamburg 1948, bis 2005 bzw. 2007 wurde das Gelände des ehemaligen KZ von der Stadt Hamburg als Standort zweier Justizvollzugsanstalten genutzt. Nicht nur, dass die Stadt Hamburg dadurch knapp 60 weitere Jahre Profit aus diesem Gelände geschlagen hat, viel mehr noch hat sie damit sechs Jahrzehnte lang das größte je begangene „Verbrechen gegen die Menschheit“ (H. Arendt), in Norddeutschland bzw. Hamburg, sprichwörtlich überdeckt.

Erst nach mehr als sechs Jahrzehnten und einem langen beschwerlichen Kampf gegen das Vergessen, konnte der Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme zur Gänze Gedenkstätte werden.
Ein Kampf, den zum allergrößten Teil KZ-Überlebende, allen voran die Amicale International KZ-Neuengamme, Angehörige, Genoss_Innen und andere politische Initiativen und engagierte Einzelpersonen, geführt haben.
Ohne diesen ständige Kampf gegen die leere Floskel des deutschen Gedenkens, wäre es nie zu dieser „würdevollen KZ-Gedenkstätte“ (Arbeitsgemeinschaft Neuengamme), wie sie es nun hoffentlich sein kann, gekommen.

Auch wenn dieser bitter erkämpfte Erfolg um würdiges Gedenken und Erinnern nun vorerst erzielt scheint, kommt er doch viel zu spät. Viele der ehemals Deportierten welche die deutschen Massenvernichtung überlebten, sind in den letzten 62 Jahren leider verstorben.
Mit ihnen ist bereits, ein großer Teil der Erinnerung an all die erlittenen und von Deutschen begangenen Verbrechen während des Nationalsozialismus gestorben und droht weiter zu verschwinden.
Es ist müßig in Anbetracht dieser Tatsachen, darüber zu diskutieren ob hier von einem „Erfolg“ gesprochen werden kann. Natürlich ist es ein Erfolg für all die Überlebenden und Angehörigen, wenn ihr ständiges Dagegenhalten gegen das Vergessen im bundesdeutschen Geschichtsumgang der Nachkriegszeit, sich zumindest an manchen Orten bezahlt macht. Dass diese Gedenkstätte, in einer Form wie sie es von nun an sein kann, schon viel früher hätte entstehen sollen, ist klar. Doch genau weil die Stadt Hamburg sich so lange versperrte und im Gegenzug noch mehr Profit aus diesem Ort schlug, ist dieser Erfolg ein besonders wichtiger. Durch die Anerkennung dieses Erfolgs, sollen Einsatz und Wille der Überlebenden und Angehörigen gewürdigt werden.

Doch anstatt zu sehen, dass die vollständige Einweihung der Gedenkstätte nach mehr als 60 Jahren, in Gedenken an all jene für die dieser Moment zu spät kommt, in ihrer eigentlichen Selbstverständlichkeit blanker Hohn ist, wird aus dieser eine Feierlichkeit gemacht.
Es besteht keinerlei Einsicht darin, dass dieser Umgang mit dem ehemaligen KZ-Gelände nichts Gutes über die deutsche Gedenkpolitik sagen lässt. Viel mehr setzen sich nun amtierende deutsche PolitikerInnen an die Spitze der Gedenkpolitik, um diesen nicht auf ihren Willen hin durchgesetzten Erfolg, als den ihren darzustellen. Der zum Glück erfolgreiche Druck gegen deutsche Gedenkpolitik, wird somit in eine Lobrede auf den eigenen ach so verantwortungsbewussten Umgang mit der Vergangenheit umgedeutet.

Jedoch sind Gedenkstätten, so sehr sie ein Abschließen mit der eigenen (deutschen) Geschichte verunmöglichen, zu zentralen Orten typisch deutscher Geschichtspolitik geworden. Größtes Anliegen ist es offenbar, Deutschland nach innen und außen als die ´andere´ doch so geläuterte Nation zu inszenieren. Diese, dem Tenor der deutschen Geschichtspolitik folgende, Inszenierung versucht allerdings aus Gedenkstätte entpolitisierte Museen zu machen. Museen die zwar Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen suggerieren sollen, vielmehr jedoch losgelöst von jeder Verantwortung aus der eigenen Geschichte existieren. Dass diese Verpflichtung so nicht übernommen wird, zeigt sich nicht nur im Runterhandeln und Unterlassen von Entschädigungszahlungen, sondern beispielsweise auch im Anpreisen von doch so wunderbar hohen Besucher_Innenzahlen (wohlgemerkt zum Großteil Schulklassen die unter [Schul]`Zwang´ in Gedenkstätten gekarrt werden) gegenüber internationalen PolitikerInnen, wie eben auch staatlichen Vertreter_Innen Israels.
Gedenken ohne Verantwortung zu übernehmen und politische Konsequenzen zu ziehen, kann maximal deutsches Gewissen hin zu einem neuem positiven Nationalgefühl führen.
Dass viele Gedenkstätten im Moment noch nicht zu jenen farcenhaften Museen verkommen, ist nicht zuletzt auch einer immer wieder von Überlebenden(-verbänden) und Gedenkstätten-Pädagog_Innen, erkämpften Autonomie im Umgang mit der Vermittelung von NS-Geschichte zu verdanken.

Kampf dem Vergessen, heißt Deutschland bekämpfen

Klar ist, dass eine Politisierung und eine Intervention in die revisionistische Gedenkpolitik, wie sie von deutschen PolitikerInnen vollzogen wird, nur von Überlebenden und einer antifaschistischen Linken vorangetrieben werden kann. Erstere waren bisher die treibende Kraft im Kampf gegen das Vergessen, können diesen aber in Anbetracht ihres Alters nicht mehr ewig führen. Ihr Erbe, ihre Vorstellungen von Gedenken und die Verantwortung für das Erinnern weiterzutragen, muss Aufgabe einer sich als antifaschistisch verstehenden Linken sein. Die fehlende Präsenz großer Teile der Hamburger antifaschistischen Linken am 19. Mai zeigten jedoch kein gelebtes Bewusstsein hierfür. Einhergehend mit der fehlenden Würdigung der Überlebenden und ihrer letztendlich erfolgreichen politischen Forderungen zeigt diese Ignoranz eine Ablehnung dieser Verantwortung. Bei dieser auch international beachteten Gedenkveranstaltung wurde eine Chance verpasst, die Farce deutschen Geschichtsbewusstseins als solche offenzulegen und anzugreifen. Jeder noch so kleine Naziaufmarsch bekommt mehr Aufmerksamkeit von der radikalen Linken zugesprochen, als dieses internationale und medial viel beachtete Kristallisationsmoment deutschen Umgangs mit seiner NS-Vergangenheit. Als Antifaschist_In Verantwortung zu übernehmen, heisst nicht, jedem kleinen Dorfnazi hinterher zu jagen, sondern zum Beispiel auch, Solidarität mit den Überlebenden zu zeigen, ihr politisches Erbe zu übernehmen und dort zu intervenieren, wo hochoffiziell „Geschichte gemacht“ wird.

against! Gruppe gegen Deutschland