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Update zu Lübeck am 31.3.07

Unseren Aufruftext zu Lübeck gibt es nun auch als Flyer und als pdf-Dokument hier auf unserem Blog. Außerdem wurde der Text in der aktuellen Zeck (Nr. 137 März/April 07) veröffentlicht.

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Außerdem ein Veranstaltungshinweiß zum 31.3.

Info- und Mobilisierungsveranstaltung zur Verhinderung des Naziaufmarsches am 31.3. in Lübeck
Mit Referent aus Lübeck. Infos auch zu den Vorbereitungen in HH.

29.3.07 – 19:00 Uhr Rote Flora

Antifa-Action zum 31.3.:

Linksradikale Warm-Up Demo:
Freitag 30.03. 17:00 Hbf,
anschließend Infoveranstaltung in Zusammenarbeit mit der Roten Hilfe, sowie ein Filmvortrag im Veb.

Antifa-Block auf der Bündnis-Demo:
Samstag 31.03. 10:00 Markt,
dezentrale Aktionen gegen den Naziaufmarsch.

Für weitere Infos zum Aufmarsch sei auf folgende Seiten verwiesen:
Bündnis Autonomer Antifas Nord (dort gibt es auch eine Pennplatzbörse)
Wir können sie stoppen!
(breites, bürgerlich dominiertes Blockade-Bündnis)
Antifa InfoPool Hamburg (aktuelle Infos aus HH, z.Bsp. zur Anreise)

Blockade ist nicht alles – Gegen deutsche Opfermythen in Lübeck

Am 31.3.07 wollen NPD und Kameradschaften in Lübeck unter dem Motto „Bomben für den Frieden?“ aufmarschieren, um die vermeintlichen Opfer des von ihnen so genannten „alliierten Bombenterrors“ zu betrauern.

Das neonazistische Aktionsbüro Nord versucht, die Bombardierung in den Kontext eines weltweiten Terrors der USA und ihrer Verbündeten einzuordnen und postuliert: “Völker und Staaten, welche sich nicht dem Weltherrschaftsstreben der USA unterwerfen wollen, werden durch Bombenterror in die Knie zu zwingen versucht!”
Des Weiteren ordnen sie Lübeck als Vorstufe von Dresden ein, da die Royal Air Force Lübeck als erste deutsche Stadt nach der „Area Bombing Directive“ bombardiert hat. Damit nehmen die Nazis die militärische Reaktion der Alliierten auf den Nationalsozialismus und die Shoa heraus aus dem geschichtlichen Kontext und ignorieren wer den 2.Weltkrieg überhaupt verursachte: Nämlich die deutsche Volksgemeinschaft.
Der Diskurs der Nazis stilisiert die Deutschen als Opfer einer konstruierten alliierten Barbarei und stellt die Vernichtung der Juden und Jüdinnen durch die Verwendung des Begriffs „Bombenholocaust“ mit der Befreiung durch die Alliierten auf eine Ebene.

Lübeck unterscheidet sich in der Darstellung der Nazis von Dresden dadurch, dass, jedenfalls bis jetzt, Opferzahlen verwendet werden, die auf einem relativ aktuellen Forschungsstand basieren. In Lübeck wird vor allem Bezug auf die Zerstörung der Lübecker Innenstadt genommen und Lübeck als „Testfeld“ für Dresden dargestellt. Ansonsten ordnet sich der Lübecker Trauermarsch in den Diskurs von Dresden und Hamburg ein, in welchem eine deutsche Kriegsschuld geleugnet, deutsche Kriegsverbrechen verharmlost, und die deutsche Volksgemeinschaft als Opfer des zweiten Weltkrieges interpretiert wird.
So versuchen die NPD und das Kameradschaftsumfeld den Aufmarsch in Lübeck nun als alljährliche Veranstaltung zu verankern und kündigten letztes Jahr weitere Aufmärsche für die kommenden Jahre an.

Im Frühjahr 2006 blieb ihnen der Marsch in die Lübecker Altstadt verwehrt. Ein großes gesellschaftliches Bündnis führte eine Demonstration mit 4000 bis 5000 TeilnehmerInnen durch und blockierte nach Absprache mit der Polizei die Holstenbrücke.
Auf Grund dessen konnten die Nazis nur durch mehr oder weniger menschenleere Straßen über den „Altstadtring“ ziehen. Weitere Blockaden verhinderten eine größere Umleitung der Neonazis. (Dokumentation der Ereignisse des Jahres 2006)

Aus unserer Sicht reicht jedoch der „Kein Bock auf Nazis“ – Ansatz der bürgerlichen Bündnispartner nicht aus. Deren Grund für die Organisation der Blockade war, die schnuckelige Innenstadt Lübecks gegen die Neonazis zu „verteidigen“, und TeilnehmerInnen der Gegendemonstration als die „besseren Deutschen“ zu inszenieren, welche sich gegen die „Verunglimpfung des Gedenkens“ durch die Nazis zur Wehr setzten. Die kollektive Betrauerung der Deutschen als Opfer wird jedoch mit gutem Gewissen, folglich ohne die (nahezu) kollektive Schuld der Deutschen bzw. der in der Volksgemeinschaft formierten an den nationalsozialistischen Verbrechen zu beachten, weiterhin durchgeführt und eingefordert. Mit unserer Kritik soll nicht eine Blockade der Naziroute abgewertet werden, sondern darüber reflektiert werden, auf welche Inhalte sich die Mehrheit der Blockierenden beruft, in welchem gesellschaftlichen Kontext diese womöglich steht und welche Konsequenzen eine linksradikale Kritik und Praxis daraus ziehen sollte.

Mobilisierungen mit dem hier aufgezeigten Muster verwischen die Grenzen zwischen dem Gedenken der „normalen/besseren Deutschen“, das sich von dem der Nazis primär dadurch unterscheidet, dass von einer expliziten Verharmlosung der Shoa abgesehen wird und eine „europäische Versöhnung“ forciert wird. Im Gegensatz zu Dresden bleiben einer/einem in Lübeck große Volksversammlungen zum Gedenken erspart. Jedoch wird auch hier durchaus das Bild der „gleichwertigen Opfer“ bedient und die Bombardierung Lübecks als „sinnlos“ und „hinterhältig“ bezeichnet.
So wurden auch auf der Auftaktkundgebung von bürgerlichen RednerInnen die Opfer des Nationalsozialismus mit deutschen Bombenopfern gleichgesetzt und deutsches Leid beschworen.

Wir denken, dass eine Positionierung zu den Bombardierungen deutscher Städte durch die alliierten Streitkräfte von einem linken antifaschistischen Standpunkt aus immer den Kontext im Blick behalten und den Fokus von einer reinen Antinazi-Haltung nehmen sollte. Damit kann verhindert werden, dass die deutsche Opfermythisierung, sowie ein von ihr ausgehender Rückgriff auf die Volksgemeinschaft aus dem Blickfeld geraten. Denn in Dresden, Hamburg, Lübeck und anderen deutschen Städten unterscheidet sich das bürgerliche Gedenken von dem der Nazis nur an wenigen Punkten. Auch innerhalb des bürgerlichen Gedenkens erfolgt eine kodierte Gleichsetzung wie am Beispiel Dresdens das Buch “Der Brand“ von Jörg Friedrich belegt.

Die Instrumentalisierung des Gedenkens an die Opfer der Shoa und des NS zur Konstituierung eines „besseren“ Deutschlands durch die bürgerliche deutsche Gesellschaft dient auch der Abgrenzung zu den USA. So fordert die vermeintlich geläuterte deutsche Nation europäische und internationale Mitbestimmung nicht trotz, sondern wegen Auschwitz, da die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ja einen vermeintlichen moralischen Zugewinn bedeute. Doch der vermeintliche Auseinandersetzung mit der Shoa in Deutschland zur moralischen Erhebung ist eine klare Absage zu erteilen, denn jegliche Auseinandersetzung musste dem deutschen Volkskollektiv nahezu aufgezwungen werden und wurde und wird immer noch als Bürde und unrechtmäßige Einforderung verstanden. So erfolgt sie auch nur, wenn sie einen internationalen oder europäischen Vorteil in Politik und Konfrontationstellung zu den ehemaligen Alliierten bringt. Besonders in den Kriegen seit dem 11. September wird ständig darauf hingewiesen, dass die USA, im Gegensatz zu Deutschland, durch den zweiten Weltkrieg nichts dazugelernt hätte, während Deutschland seine Kriegseinsätze humanitär rechtfertigt.

Ebenso entbehrt die deutsche Forderung nach Versöhnung in Bezug auf den 2. Weltkrieg jeglicher Grundlage. Denn Versöhnung würde einen ursächlichen Konflikt voraussetzen, der zu beenden sei. Der „Konflikt“ waren jedoch die Wahnvorstellungen und Allmachtsansprüche der Deutschen, die nur durch die Niederlage Deutschlands „gelöst“ werden konnten. Oder natürlich durch den Endsieg. Die deutsche Vernichtungstat macht (zudem) jeden Ruf nach Versöhnung zu blanken Hohn. So ist das Ziel der so genannten deutschen Vergangenheitsbewältigung die Versöhnung mit der eigenen deutschen Vergangenheit, um sich wieder positiv auf die eigene Nation beziehen zu können und die Schaffung einer starken Position unter den Nationen und stellt keine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit deutscher Ideologie und Antisemitismus dar.
Sollte es jemals zur Versöhnung kommen, könnte diese nur von den Opfer ausgehen und diese scheint uns, auf Grund der Shoa eine Unmöglichkeit.

Eine Politik, die mit den bekannten Parolen „Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg“ arbeitet (aus dem Aufruf zu diesem Jahr: „So setzten sie ein Zeichen für Demokratie und Toleranz, gegen Faschismus und Krieg.”), ist unfähig, die Motive des Nationalsozialismus, vor allem den eliminatorischen Antisemitismus, zu begreifen. Statt dessen werden Kriege, darunter auch der deutsche zweite Weltkrieg, als unbegreifliche Katastrophen oder Schicksalsschläge wie schlechtes Wetter, auf das kein Mensch Einfluss hat, hingestellt. Damit wird jede kollektive und individuelle Schuld ignoriert. „Gegen Krieg“ zu sein, ist auf den ersten Blick nicht die unsympathischste Meinung. Jedoch negiert sie die Realität und macht gleich, was nicht immer gleich ist. Diese Forderung führt zur blinden Verurteilung von z.B. imperialistischen Angriffskriegen ebenso wie der Niederschlagung Nazi-Deutschlands durch die Alliierten. Von hier ist es dann nicht mehr weit zu der Betrauerung vermeintlich unschuldiger deutscher „ZivilistInnen“, der Verleugnung der Unterstützung des deutschen Volkskollektivs für den „totalen Krieg“ und der Verkehrung der Befreier zu Tätern und deutschen Tätern zu ihren Opfern.

Wir danken den alliierten Streitkräften für die Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus. Wir gedenken ihrer Opfer, die dafür gebracht worden sind. Die Befreiung wäre niemals von den Deutschen selber gekommen, der Widerstand von innen war minimal. Aus einer derartigen Betrachtung sind die Bombenangriffe gegen Deutschland nicht herauszunehmen, da sie als militärische Schläge gegen NS-Deutschland zu betrachten sind, die primär Infrastruktur für die Kriegsindustrie und die “Vernichtung” trafen und des Weiteren die bedingungslose Hingabe der deutschen Volksgemeinschaft zum Endsieg empfindlich geschwächt haben.
Wir sprechen uns gegen jede Position aus, die die deutsche Nachkriegsgesellschaft als geläutert verklärt und sich auf die Bekämpfung von Nazis beschränkt ohne einzusehen, dass diese nur ein Symptom für die bis heute nicht angemessene Aufarbeitung, der Entschädigung und der immer noch ausstehende Überwindung der Ursachen, die in den Nationalsozialismus führten, sind.

Beteiligt euch an den Aktionen gegen den Aufmarsch in Lübeck am 31.3.!

Deutsche TäterInnen sind keine Opfer!

against! Gruppe gegen Deutschland